Beginn: 13.00 Uhr

Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu belassen und zu hoffen, dass sich etwas ändert (A. Einstein) 

Um es gleich vorweg zu betonen: Der (Berufsschul)Lehrerberuf wird jetzt und in Zukunft, in Zeiten, wo Arbeit 4.0 und Bildung 4.0 noch enger zusammenwachsen, so dringend benötigt wie nie, aber nur wenn man sich den neuen Arbeits- und Berufsmarktanforderungen seiner SchülerInnen antizipativ anpasst. Sonst wird man über kurz oder lang substituierbar.

Welchen Beitrag muss ich als Lehrerin bzw. Lehrer leisten, damit meine Schülerinnen und Schüler Zukunftsperspektiven haben, in einer auf sie zurollenden digital-algorithmischen Berufs- und Arbeitsweltwelt, in der Ausbildung nie mehr „AUS“ ist, in der tarifvertragsfreies Freelancertum zum großen Teil Angestelltenverhältnisse ablöst, in der traditionelle Berufsfelder durch KI-gestützte Automatisierungen entbehrlich gemacht werden, in der Mikro-Karrieren der Normalfall werden, in der zeit- und ortsunabhängiges, kollaborativ-kreatives Arbeiten mit intelligenten Maschinen unter Nutzung entsprechender digitaler Technologien zur Normalität werden (von New Work zum Next Work), in der die Kenntnis digitaler Technologien und deren Möglichkeiten und Grenzen zur Must-have-Standardqualifikation (Informatik als Allgemeinbildung) werden, in der die Fähigkeit zum proaktiven Selbstmanagement und zur Übernahme von Eigenverantwortung mit intrinsischer Motivation, Mut, Resilienz, Neugier und lebenslanger Lernbereitschaft der SchülerInnen überlebenswichtig werden, in der ArbeitnehmerInnen schneller ihre Beschäftigungsfähigkeit verlieren, in der die Unternehmensorganisation mehr vom Peer-to-Peer statt von Hierarchien geprägt sind, in der Jobprofile und quantitatives Wissen an Wert verlieren, in der Ergebnis- statt Präsenzkultur herrscht, in der Zertifikate eine immer kürzere Halbwertzeit haben, in der die Weiterbildungszeit wichtiger wird als die Ausbildungszeit, in der Wissen nicht mehr primär personenzentriert ist und die Schere zwischen hochanspruchsvollen Jobs und Billigjobs immer weiter auseinandergeht.

Aus DozentInnensicht stellen sich z.B. folgende Anforderungsfragen:

  • Wie kann ich Flipped-Classroom-Konzepte, Wikis, VR/AR, Learning Labs und Online-Lernplattformen, wie YouTube, Cousera, Class2Go & Co. , BYOD- und kollaborativ-agile Technologien (Slack), samt Online- bzw. Blended-Learning, intelligent zur individuellen Förderung der SchülerInnen in den Unterricht einbinden oder ersetzen die mich ?
  • Kann man die Individualisierung der Lernens als „continous (self) assessment“ organisieren, wie es das neue „Universal Design of Learning“ (UDL) schon an den Hochschulen zu realisieren versucht?
  • Was ist meine Rolle in einer Zeit, wo SchülerInnen durch individuelle Förderungen, (elektronische) Prüfungen (im Rahmen des „Constructive Alignment“) und Teilhabe  immer mehr „MACHER“ statt Konsumenten sein wollen und man auf die Diversität der Lernenden stärker pädagogisch reagieren muss: Bin ich primär Verständnisschaffer, Wissenscoach, Motivator, „Feuerleger“, Mentor, Enabler oder Teaching Assistant oder alles? Habe ich eine neue Vorbildfunktion? Bin ich Vorreiter in der Nutzung digitaler Technologien oder abhängig vom „Reverse Mentoring“ durch die Generation Z?
  • Was muss ich tun, um entsprechende „Web-Literacy“-Qualifikationen zu erlangen, um hier mithalten zu können und nicht den Anschluss zu verlieren? Erfordert dies ein Relaunch meines Berufsverständnisses? Ist bei mir auch „Ausbildung nie mehr AUS“?
  • Was muss ich tun, um nicht als blindgläubiger, unkritischer Anwender von digitalen Tools, E-Books und Algorithmen zu enden und um selbstkritisch die Erkenntnisse der kognitiv-neurowissenschaftlichen Lehr- und Lern(erfolgs)forschung zum Einsatz von digitalen Technologien, KI-Systemen und Algorithmen zu berücksichtigen ?

Spätestens mit der Einführung des neuen Ausbildungsberufes „Kauffrau/Kaufmann im E-Commerce“ im August 2018 ist klar, dass von den LehrerInnen einschlägige digitale Fachkompetenzen verlangt werden, die Praxis schneller „lernt“ als die öffentlichen und privaten Ausbildungsinstitutionen und die Qualifizierungsangebote für LehrerInnen dringend in Richtung MINT-basierte „Digitalkompetenzen“ und „Computational  Thinking“ umfassend, ernsthaft und in einem viel nachhaltig qualifizierenden Rahmen ausgebaut werden müssen, gerade bei LehrerInnen und QuereinsteigerInnen mit wirtschafts- und geisteswissenschaftlichem Background. Ein paar Weiterbildungstage reichen im Zeitalter von Bildung 4.0 nicht mehr.

Referent: Prof. Dr. rer. pol. Bernd Jörs

Prof. Dr. Bernd Jörs ist Professor für Informationsökonomie & Online Marketing Engineering/E-Commerce an der Hochschule Darmstadt und Online Marketing Engineer. Er ist neben einer Vielzahl an weiteren Funktionen und Ämtern langjähriger Studienkoordinator des Bachelor- / Masterstudiengangs Informationswissenschaft (MSc.) und Praktikumsbeauftragter des Studiengangs Informationswissenschaft.
Prof. Dr. Bernd Jörs wurde 2016 in dem von der Karriere-Zeitschrift „Unicum Beruf“ ausgetragenen Wettbewerb als Professor des Jahres in der Kategorie „Geistes-, Gesellschafts- und Kulturwissenschaften“ auf Rang 1 gewählt. 

Forschungsschwerpunkte: Anwendungsorientierte Forschung

  • Informationsökonomische Untersuchungen zum Data Driven Online-Marketing-Engineering & E-Commerce-Management
  • Anwendungsorientierte Forschung zum Algorithmic E-Business
  • Methodenkritische Untersuchung zu  Business Analytics, Maschine Learning & Artificial Intelligence
  • Prüfung der Funktionalität des praxisorientierten Einsatzes von Instrumenten des Web Controlling/Analytics
  • Kritische Analyse der Methodik des Data-, Text- und Web Mining sowie der Social Media Network Analysis
  • Experimentelle Nutzerverhaltensforschung im Online Marketing (Information & User Behavior)

letzte Publikationen: 

Zukunft und Relaunch des Hochschullehrerberufs. Ein Plädoyer für mehr Leidenschaft in der und für die Hochschullehre im Rahmen einer 'studierendenzentrierten Hochschullehre'; Steinbeis-Edition; Stuttgart, 2017

Die Dringlichkeit von Reformen in der Aus- und Weiterbildung hat sich noch einmal beschleunigt. Algorithmen: Ersetzung oder Ergänzung der InfoPros? Teil 1; in: Open Password, Nr. 422, 20.8.2018.

Die Dringlichkeit von Reformen in der Aus- und Weiterbildung hat sich noch einmal beschleunigt. Algorithmen: Ersetzung oder Ergänzung der InfoPros? Was wird aus der Competitive Intelligence? Die Kanzleien und ihre InfoPros im Belagerungszustand. Teil 2; in: Open Password, Nr. 429, 30.8.2018.

Die Dringlichkeit von Reformen in der Aus- und Weiterbildung hat sich noch einmal beschleunigt. Was die Studierenden der Informationswissenschaft an Zukunftsfähigem lernen. Und was in der Informationswissenschaft alles nicht geht. Teil 3; in: Open Password, Nr. 442, 24.9.2018.

Die Dringlichkeit von Reformen in der Aus- und Weiterbildung hat sich noch einmal beschleunigt. Was die Information Professionals in Aus- und Weiterbildung benötigen Überleben in der Aufmerksamkeitsökonomie; Teil 4; in: Open Password, Nr. 455, 19.10.2018.

Die Dringlichkeit von Reformen in der Aus- und Weiterbildung hat sich noch einmal beschleunigt. Höhenflug der Informatik, aber Hochschulen und Informationswissenschaft in existenzieller Krise; Ausbildung und Weiterbildung von InfoPros: Eine Success Story; Teil 5; in: Open Password, Nr. 458, 24.10.2018.

Zukunft der Arbeit: „Mittelmäßigkeit ist nicht mehr gefragt“. In: com!professional Fachzeitschrift für IT-Entscheider, Business & IT, 3/2019, S. 28 – 30.

Kontakt: bernd.joers@h-da.de