Alle empirischen Untersuchungen der letzten Jahrzehnte zum Leseverhalten, die der Variable „Geschlecht“ Aufmerksamkeit gewidmet haben, kommen zu dem Ergebnis, dass die Geschlechtsunterschiede beim Lesen in drei Dimensionen beträchtlich sind.

  1. Lesequantität oder –intensität: Mädchen und Frauen lesen mehr als Jungen und Männer;
  2. Lesestoffe und Leseweisen: Mädchen und Frauen lesen anderes und anders  als Jungen und Männer; 
  3. Lesefreude oder Leseneigung: Mädchen und Frauen bedeutet das Lesen mehr als Jungen und Männern.

Darüber hinaus gibt es den gesicherten Befund, dass diese Unterschiede bereits am Ende des Grundschulalters (d.h. nach 4 Schuljahren) deutlich ausgeprägt sind.

Die Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen sind in den dargestellten Untersuchungen groß genug, um auf gruppentypische Merkmale und Verhaltensweisen schließen zu können. Richter / May / Brügelmann nehmen an, dass die in der Forschung teilweise vermuteten hirnorganischen Unterschiede weniger beweiskräftig sind als vielmehr die für Mädchen und Jungen unterschiedlichen Sozialisationsfaktoren, die zur Förderung schriftsprachlicher Leistungen eher bei Mädchen günstig wirken. Die Leistungsunterschiede fallen deutlich geringer aus, wenn Jungen gleiches Interesse am Lesen zeigen.

Untersuchungen (Karin Richter u. a.) haben ergeben, dass ein erster "Leseknick" bereits nach der zweiten Klasse einsetzt, also im Übergang vom sog. ‚Anfangsunterricht’ zum ‚weiterführenden Lesen und Schreiben’. Ein wichtiger Indikator dafür ist der Spaß am Deutschunterricht. In der zweiten Klasse bestätigen dies noch 65,6 % der Mädchen und 51,7 % der Jungen. In der vierten Klasse nur noch 40,5 % Mädchen und 28,6 % Jungen. Da der Deutschunterricht wesentlich mit Lesen und Schreiben assoziiert wird, dürften vor allem diese beiden Tätigkeiten von den entsprechenden Unlustäußerungen betroffen sein. 

Birkenbihl macht darauf aufmerksam, dass die Entwicklungswege von Jungen und Mädchen zeitweise überkreuz verlaufen: Jungen entwickeln vor der Pubertät eher ihre Grobmotorik, Mädchen dagegen eher ihre Feinmotorik. (Nach der Pubertät kehrt sich diese Entwicklung um). Daraus erklärt sich der ausgeprägte Bewegungsdrang von Jungen gegenüber Mädchen, die tendenziell neurologisch reifer geboren werden und so eine frühe Fertigkeit zum „Schönschreiben“ entwickeln können. 
Auch die Wahrnehmungsstile unterscheiden sich: Jungen lernen eher mit taktilen und visuellen Anreizen, Mädchen eher auditiv. D.h. Jungen können sich nicht so lange konzentrieren, wenn sie überwiegend zuhören müssen. Die Umgehensweise mit Aufgaben weist ebenfalls geschlechtstypische Unterschiede auf. Jungen lernen eher nach der „trial and error"-Methode, also forschend entdeckend, während Mädchen an Aufgabenstellungen besser herangehen können, wenn Verfahrensanweisungen für Lösungswege gegeben sind. 
Birkenbihl weist drittens darauf hin, dass Jungen weitaus häufiger für ihre Leistung gelobt werden. Mädchen dagegen werden seltener für Leistung gelobt, sondern eher für ihr braves Verhalten.

In einer Schüler/innen Befragung im Rahmen des Modellversuchs „öffentliche Bibliothek und Schule“ der Bertelsmann-Stiftung (6. – 16. Lebensjahr) zeigte sich eine kontinuierliche Abnahme der Leseintensität in den höheren Altersgruppen, wobei zwei Leseknicks festgestellt werden konnten. Der erste Einbruch erfolgt zwischen dem 8. und 10 Lebensjahr, der zweite und vielleicht gravierendere zwischen dem 11. und 13. Lebensjahr, also mit dem Übergang von der Kindheit zur Pubertät.
Nach Schultypen aufgeschlüsselt wurde nachgewiesen, dass insbesondere Haupt- und Realschulen vom Rückgang der Leseintensität betroffen sind. In den Klassen 7 - 10 weisen 45 % der Hauptschüler/innen und 38 % der Realschüler/innen einen niedrigen oder sehr niedrigen Leseindex auf gegenüber 16 % der Gymnasiast/innen.

Nach: Vera Birkenbihl: Jungen und Mädchen: wie sie lernen; München 2005
Nach: Katrin Müller-Walde „Warum Jungen nicht mehr lesen“ Frankfurt 2005