Konfliktlösestrategien im Umgang mit eskalierenden (männlichen) Jugendlichen insbesondere mit Zuwanderungshintergrund

Untersuchungen über Eskalationsverhalten Jugendlicher in deutschen Schulen zeigen, dass ausländische Jugendliche Konfliktlösestrategien des Diskutierens, Verhandelns, der Konsensfindung bei Erwachsenen häufig als Schwäche auslegen. Pädagogen sind für sie nicht in der Lage Entscheidungen zu treffen. Dieser Weg der Konfliktlösung wird auch im Elternhaus nicht gefördert. Eltern erwarten von pädagogischen Fachkräften mehr Strenge und das Einfordern von Disziplin und meinen damit aber in der Regel Bestrafungstechniken. Das Ziel Kinder zu eigenen Entscheidungen zu befähigen, tragen nicht alle Eltern mit. Die Schule soll dagegen den Respekt vor Autoritäten einfordern durch Disziplin und Ordnung (vgl. Ahmet Toprak: Jungen und Gewalt, 2007).

In den Schulen wird dagegen das eigenverantwortliche Lernen in den Mittelpunkt gestellt und eine basisdemokratische Lernkultur als wichtiges Erziehungsziel für die schulische Arbeit angesehen. Beide Positionen kommen oft nicht zueinander bzw. erweisen sich als ein besonderes schulisches/ familiäres Problem zwischen Schule und Elternhaus, insbesondere wenn Schüler/innen verweigernd bzw. gewalttätig in der Schule auftreten.

„Diese zwei unterschiedlichen Konzepte vom „Umgang mit Autoritäten“ – die Restriktion im Elternhaus und Liberalität in der Schule – führen dazu, dass z. B. die männlichen türkischen Jugendlichen im Umgang mit Pädagogen respektlose und überzogene Verhaltensweisen an den Tag legen“ (a.a.O. Toprak).

Schulische Konfliktlösungen bei Eskalationen von Jugendlichen gehen davon aus, dass nicht „Macht“, sondern „Regeln, Absprachen“ entscheidend sind. D. h. es geht um klare Positionierung in der Kommunikation, die hier skizziert werden (= wichtige Gelingensbedingungen):

  • Die Verantwortung des Jugendlichen für sein Handeln konsequent und beharrlich zu formulieren und Rechtfertigungen, ungünstige Umstände u. a. „Verhandlungen“ nicht zu akzeptieren und auf deren Thematisierung nicht einzugehen.
  • Konflikte zwischen Lehrerinnen (bzw. weiblichen pädagogischen Fachkräften) und den Jugendlichen sind oft dadurch geprägt, dass die geschlechtsspezifische Erziehung anders verlaufen ist. Jugendliche widersprechen den Frauen und kommen deren Aufforderungen nicht nach. Vor allem jüngere Lehrerinnen werden wenig akzeptiert. Für Lehrerinnen ist es daher wichtig, die Jugendlichen mit Fachlichkeit und Machtgefälle (= beruflicher Rolle) zu konfrontieren statt mit fürsorglicher Mutterrolle oder Weiblichkeit. Auf die Redegewandtheit von Jugendlichen/Jungen insbesondere im Hinblick auf Sachverhalte/Konflikte mit kulturellen Besonderheiten der (z. B. türkischen) Männer gilt es konfrontativ sachlich zu reagieren.
  • Konflikte zwischen Jugendlichen im schulischen Alltag „verführen“ Lehrer/innen häufig zu „Anhörungen“ von beiden Parteien, bei denen es manchmal mehrere immer wieder kehrende unterschiedliche Versionen gibt. Bei diesem Stil (Rechthaberei u. a.) gibt es keine „richtige“ Lösung. Ziel ist es hier vielmehr, dass die Lehrkraft jeden Konfliktpartner mit seinem eskalierenden Verhalten konfrontiert, unabhängig davon, wer in welchem Maß beteiligt war. Jede Konfliktpartei hat eine Teilverantwortung im Hinblick auf Regeln und Absprachen u.a. Diese können Lehrkräfte durch eine sachliche kommunikative Strategie und mit Hilfe ihrer beruflichen Rolle (Status) bewusst machen.

Kommunikative Vorgehensweise zeitnah bei Eskalationen mit Jugendlichen aus unterschiedlichen („Macht statt Einsicht“) Erziehungskontexten:

  • Zielvereinbarung unabhängig vom konkret formulierten Problem formulieren (Nebenfaktoren sind hinderliche Ausweichmanöver)
  • Konsequenz beachten, d. h. beim „roten Faden“ der gebrochenen Regeln, Absprachen bleiben
  • widerlegen, d. h. „Ausreden“ der Jugendlichen ins Gegenteil verkehren und auf sie zurückführen
  • beharrliches Wiederholen des übertretenen Sachverhaltes, um Teilverantwortung zu verdeutlichen („Entschuldigungsmechanismen“ verwerfen)
  • unterbrechen und verunsichern der Verhandlungskette durch alleiniges Interesse an „Fakten“ („Schönrederei“ unterbinden)
  • keine Einsicht verlangen, sondern „nur“ das geschehene Unrecht vor Augen führen (= strategisches Verhalten unterbinden).

Dieser Stil der Gesprächsführung ist nicht für jedes Kind geeignet. Das Kind, der Jugendliche muss persönlich (psychisch und intellektuell) in der Lage sein, die Konfrontation anzunehmen. Bei ruhigen und sehr zurückhaltenden Kindern und Jugendlichen ist eher darauf zu verzichten, bei auffälligen, „mächtigen“ Jugendlichen dagegen bewusst einzusetzen.

© 2018 Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen