Beratungskonzept "Runder Tisch" - Dialogische Diagnostik und Beratung

Zu den wesentlichen Annahmen dieses Konzepts zählen:

  1. Die an einer Problemsituation Beteiligten werden als Experten zur Lösung dieses Problems definiert. 
  2. Problemlösung vor Ort hat erste Priorität mit den unmittelbar Beteiligten (in der Regel Eltern, Lehrkräfte und die Kinder/Jugendlichen). Sie haben die primäre Verantwortung und bleiben - auch bei Hinzuziehung „externer" Berater/innen (z.B. Ansprechpartner/in für Begabungsförderung / individuelle Förderung an einer Schule, regionale schulfachliche Berater/in) - in der primären Verantwortung. 
  3. Konsensuales Handeln ist das zentrale qualitätsstiftende Moment in der Diagnostik und Beratung. Ein „Konsens über den Dissens" wird als minimale und hinreichende Grundlage für kooperatives Handeln verstanden. 
  4. Struktur führt: Die strukturellen Aspekte (Ablauforganisation, Kontrakt- und Konfliktmanagement, Prozesssteuerung) haben eine mindestens gleichgewichtige Bedeutung für einen erfolgreichen Verlauf eines Beratungsprozesses wie die inhaltlichen Aspekte (pädagogisch-psychologische Anamnese, Handlungskonzept und Intervention). Die qualitative Entfaltung pädagogisch-psychologischer Diagnostik und Interventionen steht und fällt mit einer verlässlichen Ablaufstruktur des Beratungs- und Förderprozesses.

Die Herausforderung bei der Lösung einer Problemsituation besteht darin, die vorhandenen Kompetenzen (Elternhaus, Schule und ggf. weitere (Fach-)Experten) zu aktivieren und in einer dialogischen Kooperation zusammenzuführen.

Das Beratungskonzept Runder Tisch bzw. ‚Dialogische Diagnostik und Beratung' definiert optimale Problemlösung als dialogisches Zusammenwirken aller an diesem Problem Beteiligten und weist der „Struktur" dieses Prozesses eine führende Bedeutung zu, d. h. der Prozess von Diagnostik und Beratung wird primär verantwortet von den unmittelbar beteiligten Eltern, Lehrkräften bzw. den Kindern/Jugendlichen selbst im Sinne eines ‚owning the problem'. Einen Führungsanspruch realisieren die eventuell einbezogenen Beraterinnen und Berater allerdings hinsichtlich der Strukturierung des Beratungsprozesses, d. h.

  • Sie ‚überwachen' und ‚sichern' den Prozess: Kooperieren die Partner verlässlich? Halten Sie Termine und Vereinbarungen über Handlungsschritte ein? Droht die Kooperation im Sande zu verlaufen? Wird das Kind/der Jugendliche angemessen beteiligt? 
  • Sie sind jederzeit ansprechbar, wenn die/der ‚Projektmanager/in' (z. B. der Klassenlehrer, der Mentor) im Feld Unterstützung braucht, sei es auf der Ebene von Fachwissen als auch auf der Ebene des Prozessmanagements (einschließlich Konfliktmanagement). 
  • Sie stehen zur Verfügung für einen ‚Runden Tisch', wo sie in der Rolle des Moderators, Fachexperten, Vermittlers oder Konfliktmanagers die Beteiligten darin unterstützen, den Dialog und die Kooperation zu beginnen bzw. fortzusetzen. Die Erfahrungen zeigen, dass die Qualität eines solchen Prozesses sich solange positiv entwickelt, wie die getroffenen Vereinbarungen als konsensual erlebt und verbindlich eingehalten werden; kurz: solange der Dialog lebendig ist. Die unterstützende Funktion der Berater/der Beraterinnen (z. B. Ansprechpartner/innen für Begabungsförderung / individuelle Förderung, ausgebildete Beratungslehrkräfte an Schulen) liegt darin, dass sie ihr Fachwissen zwar zur Verfügung stellen, aber nicht das Interpretationsmonopol hinsichtlich des zu lösenden Problems beanspruchen, sondern Sorge tragen, dass die Sichtweisen der Beteiligten (Eltern, Lehrkräfte, Kinder/Jugendliche) ihren Wert behalten bzw. gewinnen.

Darin eingebunden kann das Expertenwissen professioneller Beraterinnen/ Berater im Interesse der Kinder und Jugendlichen vor Ort verknüpft werden mit dem konzeptionell antizipierten Expertenwissen der im Feld Beteiligten (Eltern, Lehrkräfte sowie die Kinder/die Jugendlichen) und von Anfang an, d.h. bereits in der Phase der Diagnostik, eine pädagogische - und nicht eine psychologische! - Handlungsperspektive im Vordergrund steht, die gemeinsam und dialogisch von Eltern, Lehrkräften, Beraterinnen/Beratern und ggf. auch den Kindern/Jugendlichen gemeinsam erarbeitet, umgesetzt und verantwortet wird."

© 2018 Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen