Bericht zum Vortrag: Trainingseinheiten für das seelische Immunsystem: Workshop mit Prof. Dr. Sieland zu Selbstwertschätzung und einem gesunden Miteinander in der Schule

In dem Workshop „Gesundes Miteinander – Prima Klima? Zwischen Wertschätzung, Kritik und Kränkung“ vertiefte Prof. Dr. Bernhard Sieland (Link einfügen: http://www.leuphana.de/universitaet/personen/bernhard-sieland.html) wichtige Inhalte aus seinem vorherigen Vortrag zur psychosozialen Gesundheit am Arbeitsplatz Schule. Stress ist aus seiner Perspektive nicht einseitig negativ zu bewerten, sondern kann auch als „Turbo-Energie“ zum Erreichen wichtiger Ziele aufgefasst werden. Umso wichtiger wird es daher, sich vor unnützem Stress zu schützen, sich auf seine eigenen Ziele zu fokussieren und nach Anspannungsphasen auch bewusst zu regenerieren. Vor diesem Hintergrund standen praktische Übungen und Anwendungen im Mittelpunkt des Workshops.

Prof. Dr. Bernhard Sieland forscht und publiziert seit mehreren Jahrzehnten zu dem Thema Schul- und Lehrergesundheit. Als emeritierter Professor für Pädagogische Psychologie der Leuphana-Universität Lüneburg und Mitherausgeber des Handbuchs Schulpsychologie ist er nicht nur eine Kapazität auf akademischem Terrain, sondern durch seine Entwicklung des KESS-Konzepts („Kooperative Entwicklungsarbeit zur Stärkung der Selbststeuerung“) auch ein ausgewiesener Experte für praktische Anwendungsfragen. Zudem betreibt er die Internet-Portale „Lehrergesundheit“ (Link: www.lehrergesundheit.eu) sowie „Stark im Stress – für Schülerinnen und Schüler“ (Link: www.sis-schule.de) und bietet mit seinem Team Workshops, Fortbildungen, Seminare und Coachings an.

Prof. Sieland ist der Überzeugung, dass sozial-emotionale Kompetenzen eine Schlüsselrolle für gesunde Umgangsweisen mit Stress in der Schule spielen – und er geht davon aus, dass Lehrerinnen und Lehrer sozial-emotionale Kompetenzen nur dann gut vermitteln können, wenn sie auch selbst über diese Fähigkeiten verfügen. In diesem Sinn setzte der Workshop bei verschiedenen Fragen rund um die Herausbildung, Entwicklung und Vertiefung dieser Kompetenzen nicht nur auf der Seite von Schülerinnen und Schülern, sondern auch von Lehrerinnen und Lehrern an: Wie wird in der Schule mit den Bedürfnissen von Schülerinnen und Schülern sowie Lehrerinnen und Lehrern umgegangen? Wie gehen Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer selbst mit Bedürfnissen um? Wie können Selbstwertgefühl und Selbstwirksamkeitserfahrungen gestärkt und damit Schutzschilder vor Kränkungen, Ängsten und belastenden Stressgefühlen aufgerichtet werden? Wie kann soziales Miteinander in der Schule auf der Basis von Anerkennung und Wertschätzung gelingen?

Anschließend erkundeten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer anhand zahlreicher Übungen ihre persönliche Lage in der „Stressgemeinschaft Schule“ und lernten konkrete Maßnahmen kennen, um das seelische Innen- und Außenklima zu verbessern. In einer ersten Workshopphase erstellten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer z. B. ein Stimmungstagebuch: Höhe- und Tiefpunkte der vergangenen Wochen sollten notiert werden, um eigene Emotionen wahrnehmen, benennen und erinnern zu können. Diese „emotionale Erinnerungsbilanz“ wurde in einer zweiten Übung auf die Zukunftserwartung der nächsten vier Wochen übertragen („emotionale Erwartungsbilanz“) und in einer dritten Übung hinsichtlich beruflicher und privater Aspekte differenziert.

Für ein „positives Innenklima“ ist nach Prof. Sieland die „belastbare Selbsteinschätzung“ von besonderer Bedeutung: „Über diese verfügen Sie, wenn Sie selbst in akuten Krisen genau erinnern, was an Ihnen gut ist.“ Dieser Aspekt stand im Mittelpunkt der zweiten Workshop-Phase. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden dazu aufgefordert sich zu überlegen, welche persönlichen Erfolge sie in den letzten fünf Jahren hatten, durch welche Fähigkeiten und Eigenschaften sie diese Erfolge erreicht haben und worauf sie rückblickend stolz sind. Die Belastung dieser Selbsteinschätzung erfolgte in einem zweiten Schritt in dialogischer Form: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollten spielerisch die positiven Eigenschaften und Fähigkeiten anderer Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Frage stellen, kritisieren oder zurückweisen, und zwar in durchaus konfrontativer und despektierlicher Weise. „Die Negation von Selbstwertschätzung“, so erläuterte Prof. Sieland die Methode, „hat das Ziel der Selbstvergewisserung“: Nur wenn man sich seiner eigenen Fähigkeiten und Qualitäten auch dann bewusst bleibt, wenn diese in Krisensituationen angezweifelt werden, ist die Selbstwertschätzung tatsächlich belastbar. Die Übung, die in einem zweiten Schritt auch noch durch die Fragen „Welche Belastungen habe ich in letzter Zeit ausgehalten und woher hatte ich die Kraft dazu?“ vertieft wurde, war damit gleichsam eine Art Trainingseinheit für das seelische Immunsystem.

Zum Abschluss des Workshops thematisierte Prof. Sieland die Frage, wie man in der Schule noch zu einem „gesunden Miteinander“ gelangen könne, und er konzentrierte diese Frage auf die Umgangsweise von Lehrerinnen und Lehrern mit Eltern – und andersherum. Gesprächssituationen zwischen Eltern und Lehrkräften um schulische Problemlagen von Kindern und Jugendlichen sind eine kaum zu unterschätzende Quelle von Stressgefühlen, und Prof. Sieland empfahl in diesem Zusammenhang die Verständigung auf „psychologische Verträge“ zwischen Eltern und Schule: Man sollte sich die gegenseitigen und oft unausgesprochenen Erwartungen bewusst machen und explizieren, man sollte sich wechselseitig über gebotene Leistungen und gewünschte Gegenleistungen verständigen und auf dieser Grundlage Selbstverpflichtungen eingehen. So könnten durch u. a. die wechselseitige Klärung von Erwartungshaltungen und Verpflichtungen z. B. Ängste abgebaut werden.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer beteiligten sich aktiv an den Übungen und positionierten sich in anschließenden Debattenphasen z. B. zu Fragen nach dem Nutzen und der Anwendbarkeit in Schule und Unterricht. Petra Badners, Leiterin der Grundschule Marl-Sickingmühle (Link: http://www.grundschule-sickingmuehle.de)

, äußerte sich rundum positiv zu dem Workshop: „Die Schülerinnen und Schüler meiner Schule können von solchen Übungen profitieren, indem wir als Lehrerinnen und Lehrer mit viel Elan und kreativen Ideen im Kopf diese Konzepte umsetzen. Es ist  Handwerkszeug, das unsere Schülerinnen und Schüler in der Entwicklung ihrer sozialen und emotionalen Kompetenzen weiterbringt.“

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