Bericht zur Regionaltagung „Strategien und Instrumente individueller Förderung im Kontext inklusiver Bildung: Von der Theorie zur Praxis” vom 9.5.2015

 Am 9.5.2015 fand der Studientag im Rahmen der Ringvorlesung des Instituts für Erziehungswissenschaften statt. Die gemeinsame Organisation dieses Tages, der gleichermaßen Studierende, Lehrkräfte und Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärter anspricht, basiert auf einer fast schon zu Tradition gewordenen Kooperation von Bezirksregierung, Zentrum für Lehrerbildung, LiF (Landeskompetenzzentrum für Individuelle Förderung) und ICBF (Internationales Centrum für Begabungsforschung).

Zu dieser Veranstaltung mit dem  Thema "Strategien und Instrumente Individueller Förderung im Kontext inklusiver Bildung: von der Theorie zur Praxis" hielten renommierte  Wissenschaftler einen Vortrag und beteiligten sich an einer Podiumsdiskussion mit Vertretern von Bezirksregierung und Schulen. Im Nachmittagsbereich stellten verschiedenen Schulen aus dem Regierungsbezirk Münster ihre Konzepte von Individueller Förderung und Inklusion in der Praxis vor.

Der erste Referent Prof. Andreas Hinz von der Uni Halle Wittenberg untersuchte die Spannungsfelder und Perspektiven Individueller Förderung im Kontext inklusiver Pädagogik. Eine inklusive Pädagogik wende sich dem Thema Vielfalt positiv zu, umfasse alle Dimensionen von Heterogenität und sei eingebettet in die Vision einer inklusiven Gesellschaft.

Seine Kritik richtet sich auf ein allzu linear ausgerichtetes Verständnis von Lernen, bei dem Schülerinnen und Schüler mit Unterstützungsbedarf nur auf einen klar vorgegebenen Weg  durch individuelle Förderung zurückgeführt werden müssten. Auch diesbezügliche Testverfahren wie der RTI ("Response to intervention") würden eine scheinbare Sicherheit spiegeln in eine Richtung, wo individuell "hinzufördern" sei. Dieses behavioristische Lernmodell sei weder systemisch noch habe es Bezug zur Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler und führe zu einer "selektiven Inklusion".

Perspektiven einer umfassenderen Inklusion würde ein Verständnis von einem aktiven und   zirkulären Lernprozess zugrunde liegen. In  einer inklusiven Pädagogik gelte es Möglichkeitsräume bereit zu stellen, Lernen als aktiven, expansiven und pluralistischen  Prozess zu verstehen. Das erfordere neben Testverfahren auch der Notwendigkeit des Dialogs mit den Schülerinnen und Schüler und die Berücksichtigung ihrer persönlichen Fragen und Interessen.

Mit einem Metapher aus der Welt der Fische fasste Prof. Hinz seine inklusiven Pädagogik zusammen: Die Schülerinnen und Schüler sollten in ihrer Vielfalt individuelle "Kojs" bleiben und nicht zu wohl geordneten "Fischstäbchen" werden.

Im Anschluss hielt Frau Prof. Silvia-Iris Beutel von der TU Dortmund ihren Vortrag zum Thema "Von der Theorie zur Praxis: Strategien und Instrumente Individueller Förderung". Frau Beutel ist Jurymitglied beim Deutschen Schulpreis und begleitet aktuell Kölner Gymnasien im Rahmen des Projekts "Ganz in".

Vor dem Hintergrund wachsender Heterogenität an deutschen Schulen sieht sie die Suche nach einem  heterogenitätsstarken didaktischen Profil an Schulen als wichtige Entwicklungsaufgabe.

Ein Lernen in Vielfalt fordere neben Individualisierung  als passgenaues Angebot an die Lernvoraussetzungen von Schülerinnen und Schülern auch die nötige Differenzierung im Sinne der Berücksichtigung der Schülerinteressen. Ziel sei es dabei, neben der Lernkompetenz auch die Demokratiekompetenz zu stärken.

Prof. Beutel nennt viele Beispiele gelungener Praxis wie an der Robert-Bosch-Schule in Hildesheim, der Werkstattschule in Rostock, dem Gymnasium in Alsdorf, der Winterhuder Reformschule und der Klosterschule in Hamburg.

Dort werde beispielsweise durch Logbücher, begehbare Lehrpläne, Tutorials, virtuelle Klassenzimmer, Lernlandkarten, lebenspraktischen Unterricht, Lernpartner oder eine gelungene Lernumgebung  ein heterogenitätsstarkes schulisches Profil geschaffen, indem die Interessen der Schülerinnen und Schüler berücksichtigt werden, curriculares Wissen bei den Schülerinnen und Schülern gefördert  und kollektives Lernen ermöglicht werde.

Dann gelinge ein Lernen im Sinne von Partizipation und auf der Grundlage von Beziehungsarbeit. Auf diese Art würden "Ideen Flügel bekommen", und wie Frau Beutel abschließend feststellte:

"Es kommt darauf an, dass wir es wollen, dann wird es nicht toll, aber besser."

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