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Orientierungsbereich (Sprungmarken)

Eltern und Spracherwerb

Dass Sprachbeherrschung eine maßgebliche Schlüsselqualifikation für die Lernfähigkeit darstellt, ist häufig thematisiert worden. Schulanfänger, die über ein sprachliches Rüstzeug verfügen, werden nicht nur bessere Leser und Schreiber, sie haben in allen Unterrichtsfächern größere Erfolgschancen. Darüber hinaus gilt in der Regel, dass ein Mensch, der seine Meinungen und Bedürfnisse treffend formulieren kann, lebens- und durchsetzungsfähiger ist.

Daher ist die Spracherziehung der Kinder bedeutsam. Hat sich aber das Entwicklungsfenster für Sprache erst einmal geschlossen, was ungefähr im Alter von acht Jahren der Fall ist, kann Versäumtes nur mühevoll aufgeholt werden und ein Kind bleibt unter Umständen lange benachteiligt.

Bei Schulanfängern fallen in den letzten Jahren mit zunehmender Tendenz Sprachlücken auf:

  • ein sehr geringer Wortschatz
  • fehlende präzise Begriffe
  • nachlassende Merkfähigkeit für Gesprochenes (Sätze können kaum noch nachgesprochen werden)
  • Kindern kennen kaum noch Kinderverse, Reime oder Gedichte aus der frühen Kindheit
  • unvollständige Bildung von Sätzen
  • Kinder haben Probleme, einen Sachzusammenhang verständlich in Worte zu kleiden
  • Unverständnis auch bei einfachen Arbeitsanweisungen und Erklärungen
  • geringe Fähigkeit zum konzentrierten Zuhören
  • Kinder können kaum noch laut und deutlich sprechen.

Jede Sprache hat ein bestimmtes Repertoire von Lauten. Dabei spielt es keine Rolle, welche Sprache ein Kind spricht. Entscheidend ist allein, in welcher Umgebung es das Sprechen lernt. Laute sind die Bausteine der Sprache. Das Kind muss sie immer und immer wieder hören. Das ist die Voraussetzung dafür, dass es sie auch hervorbringen kann. Durch Hören erkennt das Kind Laute, die es nachplappert. Durch aktives Nachahmen und Üben bildet es seine Artikulationsfähigkeit aus. Sprechen lernt man durch Sprechen. Kinder, mit denen selten jemand spricht, bleiben sprachlich verarmt und benachteiligt. Nach der ersten Phase des Spracherwerbs, in der das Kind erst einmal das "Rohmaterial" der Sprache in Form vieler verschiedener Laute gesammelt hat, kommt die nächste Phase: das Anhäufen eines Wortschatzes.

Das Benennen der Dinge hat auf mehreren Ebenen eine große Bedeutung. Zunächst einmal bedeutet es für ein Kind, dass es die Welt langsam erobert und in Besitz nimmt. Was es mit Namen nennen kann, hat es als Idee in sich, ohne dass das jeweilige Objekt in Wirklichkeit tatsächlich vorhanden ist.

Über das Hören der Muttersprache, das Lallen von Lauten, das Plappern erster Babywörter und das Nachsprechen "richtiger" Wörter lernt das Kind, erste einfache Sätze zu bilden, die zunächst noch aus zwei Wörtern bestehen: Hundi lieb, Mama brav, das meins usw.

Krabbelverse gehören zu den ältesten und wirkungsvollsten Möglichkeiten, einem Kind Sprachmuster zu geben. Im Alter zwischen zwei und drei Jahren sind Kinder dann unermüdlich dabei, neue Wörter zu sammeln. Der Wortschatz steigt in diesem Alter rasant an, wenn Kinder einen Erwachsenen haben, der mit ihnen spricht und durch den sie erfahren, wie die Dinge heißen. Im dritten Lebensjahr bildet das Kind schon etwas längere Sätze und gebraucht Personalpronomen (ich, du) und Präpositionen (auf, zum, beim, neben, hinter, an, durch, mit usw.).

Das Vorlesen und Erzählen von Geschichten eröffnet wieder einen anderen Zugang zur Sprache. Es macht das Kind mit Begriffen bekannt, die in der Alltagssprache nicht vorkommen, wie z.B. Hexe, Pfefferkuchenhaus, Zwerg, verwünschen usw. Außerdem wird beim Erzählen ein größerer sprachlicher Zusammenhang hergestellt, der eine wesentlich längere Aufmerksamkeitsspanne erfordert als bloße Konversation. Weil das Kind an der Geschichte interessiert ist, will es auch bei der Sache bleiben und lernt so etwas von selbst und ganz nebenbei, was für den späteren Schulerfolg von größter Bedeutung ist: seine Gedanken eine Zeitlang auf ein und dieselbe Sache zu richten. Und noch etwas trainiert das Kind auf spielerische Weise: Die Handlung einer Geschichte entwickelt sich allmählich. Deshalb muss das Kind, um den Faden nicht zu verlieren, das bisher Gehörte im Gedächtnis behalten. Es wird während des Zuhörens auch selbst verschiedene Vorstellungen haben, wie die Geschichte weitergehen könnte. Dieses Zurück- und Vorausdenken ist beim Lesenlernen ganz entscheidend für das Sinnverständnis eines Textes. Kinder, die über das mühsame Entziffern nicht hinauskommen, erinnern sich nicht mehr an das Gelesene und können auch unvollständige Sätze nicht sinnvoll ergänzen.

Nach: Christina Buchner, Wie können Eltern ihren Kindern beim Spracherwerb helfen?

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