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Konfrontative Gesprächsführung

Jugendliche wollen ihre Grenzen ausloten und suchen die Konfrontation. Aus der Praxis seiner Arbeit mit türkischen Jugendlichen beschreibt Ahmet Toprak, wie Lehrkräfte mit auffälligen Kindern und Jugendlichen arbeiten können. Im Wesentlichen werden drei Strategien unterschieden:

Macht: die Lösungen werden von den Mächtigeren erzwungen. Macht besitzt, wer über Machtmittel wie Status, Entscheidungsbefugnisse, Geld, körperliche Überlegenheit verfügt.

Recht: Diese Strategie setzt das Vorhandensein einer entsprechenden Grundlage in Form von Regeln, Beschlüssen, Gesetzen voraus.

Interesse: Die zufriedenstellendste aber auch anspruchsvollste Strategie. Sie erfordert Verhandlungen und Vermittlungen, wobei die Fähigkeit zu Empathie und Perspektivenwechsel hilfreich sein kann.

In der Regel ist bei auffälligen Schülern/Schülerinnen die dritte Konfliktlösestrategie Interesse am wenigsten geeignet, wenn Jugendliche Diskussionen und Konsensfindung als Schwäche auslegen. Es ist davon auszugehen, dass dieser Weg auch zu Hause vom Elternhaus nicht unterstützt bzw. vorgelebt wird. Viele Eltern erwarten von Lehrkräften mehr Standfestigkeit, Einfordern von Disziplin und Durchgreifen.

Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass Lehrkräfte situativ mit allen drei Konfliktlösestrategien umgehen. Die Konfliktstrategie Macht ist nie in einem ersten Schritt anzugehen. Mit der Absprache Recht wird das Sozialverhalten und das Gemeinwohl (in der Schule) eingefordert und der Lehrer sollte sich sprachlich darauf einstellen, d.h. beschreibende und erklärende Antworten müssen vom Schüler eingefordert werden. Das Ganze mündet in eine situationsangemessene Vorgehensweise, die auf individuelles Beachten von Regeln abzielt.

Vor dem oben angeführten Hintergrund gibt es Sinn individuell auf Regelbrüche und auffälliges Verhalten von Schülern/Schülerinnen mit einer „konfrontativen Gesprächsführung“ zu reagieren. D.h. eine Lehrkraft akzeptiert die für das abweichende Verhalten relevanten Motive eines Schülers/ einer Schülerin als Entschuldigung nicht. Selbst wenn die Lehrkraft diese versteht. Das Gespräch bezieht sich ausschließlich auf den Regelbruch und konfrontiert den Schüler, die Schülerin unablässig mit der Nichteinhaltung. Wichtiges Ziel ist es, den Jugendlichen damit zu konfrontieren, weshalb er sich nicht an die Abmachungen gehalten hat.

Der Jugendliche lernt dadurch

  • er kann nicht erfundene Gründe vorschieben, sie werden auf Richtigkeit überprüft
  • dieselbe fadenscheinige Begründung kann nicht ein zweites Mal angeboten werden
  • die Vorgehensweise hat präventiven Charakter auch für Mitschüler, die erleben, dass frei erfundene Begründungen nicht überzeugen (= Vermeidung von Eskalation).

 

Ein Beispiel für ein konfrontatives Gespräch: "Ali kommt zu spät"

Ali ist zehn Jahre alt und besucht die vierte Klasse einer Grundschule. Er muss morgens mit dem Bus in die Schule kommen; der Bus fährt alle zehn Minuten. Ali kommt eine halbe Stunde verspätet in die erste Unterrichtsstunde und entschuldigt sich damit, dass er den Bus verpasst habe. Alis Entschuldigung wird nicht akzeptiert und der Sachverhalt intensiv hinterfragt:

Guten Morgen, Frau Müller! Entschuldigung, ich habe den Bus verpasst. Er ist vor meiner Nase weggefahren.

Aha, wann musstest du hier sein, Ali?
Ja, um acht Uhr.

Wie spät ist es jetzt?
Ja, wie? ... Ich weiß nicht.

Schau doch mal auf die Uhr.
Ja, es ist 8 Uhr 30.

Wie oft fährt dein Bus?
Ja, ich habe den Bus verpasst.

Hast du mitgekriegt, was ich gefragt habe?
Der ist vor meiner Nase wegge...

Ich fände es gut, wenn du meine Frage beantwortest.
Ja, halt in zehn Minuten.

Wie kommt es, dass du eine ganze halbe Stunde verspätet bist?
Ja, weil ich den Bus verpasst habe.

Ich weiß, der Bus fährt alle zehn Minuten, und du bist eine halbe Stunde später dran. Da stimmt für mich was nicht.
Ich bin zu spät los.

Du hast zu spät das Haus verlassen. Verlass das Haus das nächste Mal pünktlich, dann bist du auch rechtzeitig in der Schule.
Ja, ich musste frühstücken.

Du könntest früher aufstehen, um Zeit zum Frühstücken zu haben. Es liegt an deiner Planung, dass du keine Zeit für das Frühstück hattest und nicht rechtzeitig das Haus verlassen hast.

Aufgabe für Ali:

Überleg dir bitte, wann du aufstehen musst und welche Zeit du morgens hast um rechtzeitig den Bus zu erreichen und rechtzeitig in der Schule zu sein.

Ali wird wahrscheinlich am nächsten Tag oder einige Tage später wieder zu spät kommen. Aber er wird den verpassten Bus nicht mehr als Begründung vorbringen können. Er wird sicherlich andere Gründe nennen und versuchen, diese glaubwürdig zu vertreten. Frau Müller muss dann erneut die Konfrontation annehmen und das Gespräch nach dem obigen Schema führen. Unabhängig von der Konfrontation muss die Verspätung sanktioniert werden.

Nach: Forum Schule 2/2008 S.23, http://www.forum-schule.de/fs21/thema/auf-die-harte-tour

Literatur: Jungen und Gewalt. Die Anwendung der Konfrontativen Pädagogik in der Beratungssituation mit türkischen Jugendlichen. Herbolzheim: Centaurus. 2. Aufl, 2006

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