INITIIERUNG DER NETZWERKE


Im Frühjahr 2016 schlossen sich mehrere Gymnasien im Kreis Coesfeld zusammen, um gemeinsam an einem Thema zu arbeiten, das das vergangene Jahr in besonderer Weise geprägt hat: Die Organisation von Deutsch-Förderunterricht für die vielen neu ankommenden Kinder und Jugendlichen aus den syrischen Bürgerkriegsgebieten. Frau Jutta Glanemann, stellvertretende Schulleiterin des Gymnasiums Nottuln und Vertreterin der Netzkwerk-Referenzschule Deutsch-Fördergruppen im Regierungsbezirk Münster, berichtet im Interview von ihren Erfahrungen in der Netzwerkarbeit zu einer der wohl größten pädagogischen und didaktischen Herausforderungen im vergangenen Jahr.

Name: Jutta Glanemann
Schule: Gymnasium Nottuln
Funktion/en: stellvertretende Schulleiterin, Ansprechpartnerin für Zukunftsschulen NRW am Gymnasium Nottuln
Kontaktmöglichkeiten: gl@gymnasium-nottuln.de

Zukunftsschulen Sprachfoerderteam

1. Motivation und Hintergrund

Wie und wann kam Ihre Schule darauf, sich mit dem Thema „Internationale Förderklassen“ intensiver zu befassen?

Wir waren das erste Gymnasium im Kreis Coesfeld, dem Schülerinnen und Schüler für eine, damals so genannte "Auffangklasse" zugeteilt wurden, da wir die einzige öffentliche Schule in Nottuln im Sekundarbereich sind. Deswegen wurde das bei uns schon vor über eineinhalb Jahren zum Thema.

Welche Erwartungen und Hoffnungen hatten Sie und die beteiligten Kolleginnen und Kollegen an Ihrer Schule zur Netzwerkarbeit vor dem ersten Treffen?

Uns war wichtig, nicht mehr länger „im Trüben zu fischen“, Austauschmöglichkeiten mit anderen Schulen zu haben, denen es so geht wie uns. Auch war es uns wichtig, Synergie-Effekte nutzen zu können und mit den anderen Schulen „Hilfe zur Selbsthilfe“ zu organisieren.

2. Inhaltliche Schwerpunkte der Netzwerkarbeit

Sie haben in Ihrem Netzwerk das Thema „Internationale Förderklassen“ sehr intensiv und von verschiedenen Seiten bearbeitet. Welche inhaltlichen Schwerpunkte wurden hierbei gesetzt?

In erster Linie geht es um den konkreten schulischen Alltag der Kinder. Hier spielen zahlreiche Themen eine wichtige Rolle: Die Organisation der Abläufe, Strukturen, Formen der Individuellen Förderung, Umgang mit Heterogenität, sprachsensibler Unterricht, Integration der Kinder in die Regelklassen, Unterrichtsentwicklung allgemein und vieles mehr. Und nicht zuletzt brannte vielen Kolleginnen und Kollegen die Frage „wie gehen wir mit Verhaltensauffälligkeiten und Disziplinschwierigkeiten um?“ unter den Nägeln.

Welche Modelle sind bei den beteiligten Schulen auf besonderes Interesse gestoßen?

Ganz konkret waren drei Konzepte, über die wir uns ausgetauscht haben, von besonderem Interesse: 1. Konzepte zur Differenzierung in den Lerngruppen, bevor diese am Regelunterricht teilnehmen, 2. Unterrichtseinheiten zu kulturellen Eigenheiten und 3. Konzepte zur Einbindung von Ehrenamtlichen jeder Art. Diese drei Punkte haben sich zugleich als besonders hilfreich und nützlich erwiesen.

3. Auswirkungen der Netzwerkarbeit

Wie hat sich die Netzwerkarbeit auf Ihre Schule oder, soweit Sie dies einschätzen können, auf andere beteiligte Schulen ausgewirkt?

Sofort nach Netzwerkbildung haben sich auch die betroffenen Schulleitungen zu einer Runde getroffen, bei der auch Vertreter der Netzwerk-Teilnehmenden anwesend waren. So konnten diese von den „Baustellen“ und „Herausforderungen“ berichten und ihre Anliegen direkt an die „nächste Ebene“ weitergeben. Es geht vor allem um personelle Ressourcen, um Fortbildung in dem Bereich, um Material-Unterstützung, um die Einbindung ehrenamtlicher Helfer etc.
Natürlich hat man eine andere Argumentationsgrundlage, wenn man auch die Erfahrungen anderer Schulen in die Waagschale werfen kann: So konnten Kolleginnen und Kollegen z.B. über Entlastungsmöglichkeiten für ihre Tätigkeit in der Sprachfördergruppe verhandeln, ein Material-Pool für Netzwerkteilnehmerinnen und -teilnehmer wurde eingerichtet, Expertinnen und Experten zu Netzwerktreffen eingeladen und vieles mehr.

Wie hat sich die Netzwerkarbeit auf den Unterricht oder das pädagogische Angebot an Ihrer Schule oder, soweit Sie dies einschätzen können, an anderen beteiligten Schulen ausgewirkt?

Sehr positiv: Anregungen, Konzepte, Material können jeweils direkt aufgenommen und umgesetzt werden. Die Netzwerkarbeit hatte eine Signalwirkung in die jeweiligen Kollegien, weil durch die gemeinsame Netzwerkarbeit auch die Akzeptanz der Arbeit in den Sprachfördergruppen steigt.

Gemeinsam mit den anderen teilnehmenden Schulen des Netzwerks „Internationale Förderklassen“ hat Ihre Schule besondere Expertise erworben und weiterentwickelt. Was würden Sie anderen Schulen empfehlen, die sich in Sachen „Internationale Förderklassen“ auf den Weg machen wollen?

Schulen sollen sich Expertise holen von denen, die damit schon Erfahrungen gesammelt haben, damit nicht jedes Mal „das Rad neu erfunden werden muss“! Unsere am Netzwerk teilnehmenden Schulen sind immer bereit, ihre Konzepte und Strukturen anderen Schulen vorzustellen (Hospitation!). Wichtig sind auch die Unterstützungsangebote des Schulträgers und Kreises. Schulen sollten sich Netzwerken anschließen, um direkt von bereits gemachten Erfahrungen profitieren zu können, aber auch, um eigene Erfahrungen weitergeben zu können.

Die gesamte Netzwerkarbeit zielt letztlich auf die Individuelle Förderung von Kindern und Jugendlichen ab. Wovon profitieren die Schülerinnen und Schüler an Ihrer Schule besonders?

Der Umgang mit Kindern, die als Geflüchtete an unsere Schule kommen, setzt eine individuelle Herangehensweise und einen Zugang zu jeder/m einzelnen Lernenden voraus. Individuelle Förderung ist hier also quasi das A und O. Das haben die Netzwerkteilnehmerinnen und -teilnehmer längst erkannt und bringen dieses auch immer wieder in die Unterrichtsentwicklung mit ein.
Letztendlich profitieren auch viele Regelschülerinnen und -schüler davon, wenn im „normalen“ Unterricht etwas vielleicht ein zweites Mal oder mit einfacheren Worten erklärt wird. Ganz abgesehen davon, dass der Umgang mit Kindern und Jugendlichen aus anderen Kulturen und mit Fluchterfahrung ihre sozialen und interkulturellen Kompetenzen stärkt.

Was war Ihrer persönlichen Erinnerung nach ein „Highlight“ der Netzwerkarbeit?

  1. Hochmotivierte Teilnehmer, die im Sinne „ihrer Geflüchteten“ immer wieder aufs Neue versuchen, Ideen und Konzepte zu entwickeln, die diese weiterbringen und unterstützen,
  2. Unterstützungsangebote durch die Schulleitungen und das Kommunale Integrationsbüro sowie das Kompetenzteam im Kreis Coesfeld und schließlich
  3. Erfahrungen und Material, eingebracht durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bezirksregierung, die das Netzwerk zu Beginn gemeinsam „angeschoben“ haben.

4. Erfahrungen mit der Netzwerkarbeit

Was sind Ihrer Erfahrung nach die Erfolgsbedingungen und Hürden erfolgreicher Kooperation in Netzwerken? Oder anders gefragt: Wann klappt Netzwerkarbeit, wann nicht?

Netzwerkarbeit klappt, wenn alle Beteiligten die Bereitschaft zur Kooperation mitbringen und davon ausgehen, dass alle, als eine Gelingensbedingung, auch „liefern“ müssen; Netzwerkarbeit gelingt i.d.R. nicht mit „von oben geschickten Teilnehmern“, die eigentlich gar nicht im Handlungsfeld aktiv sind. Netzwerkteilnehmende müssen auch in die Lage versetzt worden sein, selbstständig arbeiten, planen und entwickeln zu dürfen, ohne befürchten zu müssen, dass ihnen direkt Steine in den Weg gelegt werden (das heißt konkret Unterstützung durch Schulleitung). Und Netzwerkteilnehmerinnen und -teilnehmer benötigen den Rückhalt aus dem jeweiligen Kollegium.

Im Netzwerk haben Sie sich regelmäßig getroffen. Wie wichtig war der persönliche Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen anderer Schulen?

Dieser Austausch war sehr wichtig, um zu erfahren „Wie machen es die anderen? Welche Herausforderungen haben sie an ihrer Schule oder mit ihrem Schulträger? Welche Konzepte haben die anderen schon ausprobiert und können diese weiterempfehlen bzw. haben diese verworfen?“ Gemeinsame, ertragreiche Arbeit braucht zudem „Gesichter“, mit denen man diese verknüpft – so wird Netzwerkarbeit lebendig!

In vielen Netzwerken haben unterschiedlichste Schulformen miteinander kooperiert. Wie hat der Wissens- und Erfahrungsaustausch vor dem Hintergrund so unterschiedlicher Systeme und Erfahrungen in Ihrem Netzwerk funktioniert?

In unserem Netzwerk arbeiten nur Gymnasien zusammen, was sich bei der Thematik auch als sehr sinnvoll herausgestellt hat.

5. Perspektiven

Welche Themen und Schwerpunkte hat sich das Netzwerk „Internationale Förderklassen“ für die Zukunft vorgenommen?

Wir wollen uns mit den Themen "Umgang mit Heterogenität" in Bezug auf kulturelle Unterschiede, die z.B. zu Disziplinproblemen führen, befassen. Auch der Umgang mit Abschlüssen sowie schulischen Perspektiven für unsere älteren Geflüchteten wird eine Rolle spielen. Hierbei wird es z. B. um Bewertungsgrundlagen, aber auch um Materialerstellung und Materialaustausch gehen.

Wie sehen die nächsten Schritte Ihres Netzwerks aus?

Wir planen unter anderem einen weiteren Netzwerk-internen Fortbildungstag mit externer Expertise, um die praktische Arbeit in den Schulen weiter fördern und ausbauen zu können.

Können interessierte Schulen dem Netzwerk „Internationale Förderklassen“ noch beitreten?

Wir sind offen für jede Schule, die sich einbringen möchte!

 

Ulrike Thöne
Martin Schmitt

„Zukunftsschule NRW“-Redaktionsgruppe der BR Münster