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Dr. Sebastian Bergold: Lehrereinschätzungen der kognitiven Leistungsfähigkeit von Schülerinnen und Schülern: Was sagt die empirische Forschung zu Akkuratheit und Folgen für die Schülerinnen und Schüler?

Wie treffend können Lehrerinnen und Lehrer die Intelligenz ihrer Schülerinnen und Schüler einschätzen? Dieser Frage widmete sich Herr Dr. Sebastian Bergold, Mitarbeiter der Abteilung für pädagogische Psychologie der Technischen Universität Dortmund, im Rahmen seines Workshops bei der Landestagung Zukunftsschulen NRW. Die Ergebnisse: „Dramatisch", so Katharina Vogt, Schulleiterin des Märkischen Gymnasiums Schwelm. Was war geschehen?

In einem zügigen Vortrag stellte der junge Wissenschaftler relevante Studien zu dem Thema vor. Hierbei konzentrierte er sich auf empirische Arbeiten, die im Sinne eines kognitiven Intelligenzbegriffs argumentieren. Mit Witz und Ironie führte er das mit Interesse zuhörende Publikum durch die komplexen Theorien und Modelle der aktuellen Intelligenzforschung.

Während es Lehrkräften insgesamt relativ gut gelänge, die kognitive Intelligenz ihrer Schülerinnen und Schüler, z. B. innerhalb einer Klasse, nach Rangstufen einzuordnen, manifestierten sich enorme Differenzen, sobald Lehrkräfte versuchten, Intelligenzniveaus oder gar die Streubreite der kognitiven Potentiale ihrer Schülerinnen und Schüler einzuschätzen. „Hierbei zeigten sich", so Bergold, "große Unterschiede zwischen den Lehrkräften". Doch warum schaffen manche Lehrkräfte diese Einschätzungen relativ zutreffend und andere dagegen gar nicht?

Das Publikum war gefragt und aufgefordert, eigene Vermutungen zu formulieren. Die anwesenden Lehrkräfte zögerten nicht und beteiligten sich so intensiv, dass Herr Dr. Bergold die außerordentlich hohe Leistungsmovitation lobte, was vom Publikum wiederum mit Applaus goutiert wurde. Doch die Freude sollte nicht lange andauern, denn die kluge Hypothese, dass die Lehrereinschätzungen umso zutreffender seien, desto kleiner z. B. die Schulklassen sind, sollte sich als genauso empirisch unhaltbar erweisen wie z. B. die Annahme, dass die Berufserfahrung von Lehrkräften das Urteil über die Intelligenz der Schüler verbessere.

Woran also orientieren sich Lehrkräfte in den Urteilen über die Intelligenz ihrer Schülerinnen und Schüler? Dr. Sebastian Bergold: „Lehrkräfte konnten die schulischen Leistungen besser diagnostizieren als Intelligenz", oder anders formuliert: "Wenn Lehrkräfte die Intelligenz einschätzen, orientieren sie sich an den Schulleistungen". Schülerinnen und Schüler mit hohen kognitiven Potentialen, die jedoch ihre Fähigkeiten nicht in schulische Leistungen umsetzen können (in der Fachsprache auch als „Underachiever" bezeichnet), werden hierdurch zu oft übersehen.

Für Frau Vogt vom Märkischen Gymnasium ist dieser Umstand mehr als beunruhigend: „Diese Ergebnisse sind dramatisch, weil wir als Lehrerinnen und Lehrer Lebensläufe beeinflussen." Die Schulleiterin zieht das Fazit, dass die Schulen einen viel weiteren und offeneren Blick auf die Schülerinnen und Schüler einnehmen sollten. „Die Intensivierung des Kontakts könnte ein Ansatz sein: Wir müssen unsere Schülerinnen und Schüler viel besser kennen lernen".

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