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Orientierungsbereich (Sprungmarken)

Workshop 1: Systemisch-lösungsorientierte Betreuung von Underachievern - Kooperation mit außerschulischen Partnern

Referentin: Dr. Margarete Helfen 

Inhalt:

An einem Fallbeispiel werden die Punkt herausgearbeitet, an denen in der Entwicklung des hochbegabten Kindes Uli Entscheidungen gefällt werden bzw. hätten gefällt werden müssen. Frau Dr. Helfen bezieht die Workshopteilnehmer in die Situationsanalyse ein und lässt sie gemeinsam entwickeln, welche Maßnahmen Kinder, Eltern, Schule und außerschulische Einrichtungen realisieren sollten, um geeignete Entwicklungsschritte zu initiieren.

Fallbeispiel Uli, hochbegabt
Uli stammt aus einem Akademikerhaushalt, in dem beide Eltern voll berufstätig sind. Bereits mit 1,5 Jahren fällt er durch eine extrem hohe Sprachfähigkeit auf. Im Kindergarten sind die Kindergärtnerinnen irritiert, weil Uli „nicht so wie die anderen spielt“. Er beschäftige sich mit skurrilen Dingen und sei als Einzelgänger gefährdet. Bis zum Beginn der Grundschule werden aus diesen Beobachtungen keine Konsequenzen gezogen.
Bereits zur Einschulung kann Uli lesen und rechnen auf einem Level , der mindestens dem Stand der zweiten Klasse entspricht. Unter den Lehrerinnen wird er als der „Neunmalkluge“ gehandelt. Die Schule lässt ihn, bevor er Gelegenheit hat, sich in die Klasse einzuleben, schnell in die zweite Klasse springen.

Kommentar:

Offenbar wird die soziale Entwicklung des Jungen nicht entsprechend beachtet. Bei der Entscheidung zwischen Springen und Enrichment hätte es zu diesem Zeitpunkt viele Möglichkeiten gegeben, Uli zu fördern ohne ihn aus dem Klassenverband herauszunehmen. Es muss deutlich werden, wie das Kind seinen Alltag erfährt! Erst auf dieser Basis können Entwicklungsziele und –schritte geplant werden. Uli störte es (nach den Kindergartenjahren) z. B. nicht Einzelgänger zu sein.

Mögliche Maßnahmen:

In der Schule: Drehtür, spez. Wochenarbeitspläne, zeitweise Teilnahme am Unterricht in höheren Klassen, Doppelbelegung von zwei Sprachen, Nutzung von Selbstlernzentren, Zusammenarbeit mit Paten, soziale Aufgaben zur Integration, schulische Bündelung der unterstützenden Maßnahmen (um z. B. Überforderung zu vermeiden), Durchführung eines „Runden Tisches“ in Zusammenarbeit mit der BezReg.
Weitere Hilfen: Kooperationen mit außerschulischen Partnern z. B. bei Legasthenie, Ergotherapie.
Erzieherische Hilfen nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz (vgl. Aufstellung am Ende dieses Berichtes)

Fortsetzung des Fallbeispiels:
In der vierten Klasse befürwortet die Grundschule das Springen in die Klasse 5 des Gymnasiums. Von keiner der beiden Schulen wird das Springen abgefedert. Uli entwickelt sich zum „erfolgreichen Minimalisten“. Uli schreibt wenig und schlecht, kaspert. Das Gymnasium klagt insbesondere über sein unangepasstes Verhalten.
Uli hilft gerne in der Cafeteria des Gymnasiums und arbeitet dort auch mit anderen zusammen. Nachdem er mehrfach zu spät zum Unterricht gekommen ist, wird ihm die Tätigkeit in der Cafeteria untersagt. Verbote und Strafen können sein Verhalten offenbar nicht steuern, sie scheinen für Uli eher eine Herausforderung zu sein.

Mögliche Maßnahmen am Ende der Jahrgangsstufe 5:

Dringend erforderlich:

  • ein runder Tisch, um die Persönlichkeit des Kindes von allen Beteiligten zu erfassen.
  • sozialintegrative Maßnahmen (z. B. älterer Schüler/Lehrer als Paten)
  • Sonderaufgaben absprechen (bei denen sich Uli in seinen Fähigkeiten gesehen fühlt)
  • daneben Einigung über erreichbare Verhaltensziele (z. B. die Hälfte einer Schulstunde sich konzentriert mit einer Aufgabe beschäftigen)

Das Gymnasium empfiehlt ein weiteres Springen. Gleichzeitig soll Uli die Schule wechseln. Auf diese Weise bekommt Uli nicht die Zeit notwendige Kulturtechniken zu trainieren (lesbar Schreiben, strukturierte Heftführung, etc.)

Fortsetzung des Fallbeispiels:
Uli besucht an einem neuen Gymnasium die Klasse 7. Er verweigert schriftliche Leistungen. Offensichtlich findet er sich in seiner neuen Umgebung (3 Jahre jünger als seine Mitschüler) nicht mehr zurecht. Er wird zunächst ambulant psychologisch betreut, wird dann stationär behandelt und schließlich in die geschlossene Abteilung verlegt.

Kommentar:
Lernerfolg nach gut vier Jahren Schule: „Ich kann alles aussitzen. Ihr könnt mir nichts!“

 

Fortsetzung des Fallbeispiels:
Inzwischen besucht Uli wieder ein Gymnasium. Er ist der 10. Klasse zugeordnet, gleichzeitig noch 5 Jahre schulpflichtig. Er hat einen Lernpaten als Lehrer. Die Schulleiterin und die Bezirksregierung gibt weite Freiräume zur Organisation seiner Entwicklung. Es gibt Sonderreglungen für seinen Unterricht, in den er allmählich einbezogen wird. Er bekommt einen Schüler als Paten. Für ihn wird ein Förderkonzept entwickelt. Uli nimmt mit gutem Erfolg an der Schüler-Uni teil. Zusätzlich entwickelt er Internetwerbung und verdient gut dabei.
Die schulische Maßnahmen sind wenig erfolgreich: Förderkonzept, Runder Tisch, Sonderaufgaben (z. B. als Klassenbuchführer) haben keine Wirkung oder werden verweigert.

Kommentar:

Für Uli wird mit dem Eintreten in die Pubertät die Situation psychologisch problematisch. Vor dem Hintergrund seiner bis jetzt gesammelten Erfahrungen könnte sich eine Schizophrenie entwickeln, er könnte ein kriminelle Karriere beginnen.
Uli testet sein Gegenüber in intelligenter Weise aus. Da soziale Kompetenzen gering entwickelt sind, reagiert er gerade in sozialer Hinsicht ungewohnt und kann auch professionelle Begleiter erschüttern.


Fortsetzung des Fallbeispiels:
Inzwischen wird das ganze verfügbare Arsenal aufgefahren: Es wird versucht Eltern, Jugendamt, Therapeutin, Schule, aufsuchende Familientherapie, …. zusammen zu führen. Die Schule legt eine längere Auszeit vom Unterricht fest. Zur Organisation dieser Auszeit stellt die Schule einen Lerncoach, der sich einmal pro Woche mit Uli zusammensetzt und mit ihm gemeinsam das Lernen für die nachfolgende Woche organisiert. Uli arbeitet zuhause, weitgehend selbstverantwortlich. Leistungsüberprüfungen finden in der Schule statt.

Zunächst zeigt Uli deutliche Fortschritte in seinen Leistungen. Allerdings scheitert er auf die Dauer an seiner Arbeitshaltung. Er gewinnt die Überzeugung, dass es ihm in der Schule einfacher fallen wird erfolgreich zu arbeiten und möchte jetzt lieber in der Schule arbeiten.

Kommentar:

Der allmähliche Übergang in die Schule wird von einem Arbeitskreis vorbereitet:
Grundlage für eine erfolgreiche Eingliederung sind die persönlichen Beziehungen, die Uli erfahren muss. „Kann ich als LehrerIn von Uli mir vorstellen, ihn trotz aller Widrigkeiten zu mögen?“ In der besonderen Situation des Jungen müssen Kriterien entwickelt werden, was insgesamt erreicht werden soll und welches die nächsten möglichen Schritte sind:

  • Uli erledigt nur die Dinge, die ihn interessieren. Er muss daran geführt werden, auch Dinge zu bearbeiten, zu denen er keine Lust hat. Es wird eine Absprache herbei geführt: im Rahmen eines positiv belegten Gegenstandes soll er auch eine Aufgabe erledigen, zu der er wenig motiviert ist.
  • Zur Persönlichkeitsstärkung soll der Aufbau von Beziehungen unterstützt werden. Seine wenig entwickelte Empathiefähigkeit soll gestärkt werden.
  • Uli absolviert das allmählich steigende Unterrichtsdeputat in verschiedenen Klassen. Dadurch soll verhindert werden, dass er im Rahmen einer Lerngruppe zu schnell wieder in seine gewohnte Rolle gedrängt wird.
  • Seine (positiv besetzte) Arbeit bei der freiwilligen Feuerwehr wird von der Schule als Sportunterricht anerkennt.
  • Zur Entwicklung eines respektvollen Umgangs und seines Sozialverhaltens (auch Tieren gegenüber) absolvieren die für Uli zuständigen LehrerInnen ein einschlägiges Trainingsprogramm.
  • Zur Unterstützung seiner Selbstorganisation führt Uli eine Kladde, in die er Aufgaben, Bemerkungen, etc. notiert. Die 8 LehrerInnen des Arbeitskreises beobachten kontinuierlich Ulis Fortschritte, die sich in der Kladde widerspiegeln.

Die Begleitung Ulis durch den Arbeitskreis und die Anpassung der Lernorganisation auf seine Lernfortschritte muss noch über einen längeren Zeitraum fortgesetzt werden.

Erzieherische Hilfen nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz

Personensorgeberechtigte –meist die Eltern, ggf. ein Vormundoder Pfleger – haben einen Rechtsanspruchauf Hilfen zur Erziehung für sich und ihr Kind, „wenn eine dem Wohl des Kindes oder des Jugendlichen entsprechende Erziehung nicht gewährleistet ist und die Hilfe für seine Entwicklung geeignet und notwendigist“.
Das Kinder- und Jugendhilfegesetz sieht die folgenden ambulanten, teil- und stationären Erziehungshilfen vor:

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