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Orientierungsbereich (Sprungmarken)

Mädchen und Naturwissenschaften - Hinweise zur Gestaltung von Unterricht

Erhebungen zu allgemeinen Zielen naturwissenschaftlichen Unterrichts und zu den Sachinteressen von Mädchen und Jungen haben folgendes ergeben:

  • Was für den naturwissenschaftlichen Unterricht aus pädagogischer Sicht wünschenswert erscheint, kommt den Interessen von Mädchen und Jungen sehr nahe.
  • Was für Mädchen interessant ist, ist auch für Jungen interessant, aber nicht umgekehrt. Eine Orientierung an den Interessen der Mädchen ist somit der Ansatzpunkt, den Mädchen entgegenzukommen ohne die Jungen zu benachteiligen.
  • Ein gegebener Inhalt kann durch die Einbettung in einen interessanten Kontext und durch die Wahl geeigneter Formen der Erarbeitung (z.B. Schülerexperimente, Gruppenarbeit) so gestaltet werden, dass das Interesse, sich mit diesem Inhalt auseinanderzusetzen, gesteigert wird. Dabei ist allerdings zu beachten, dass die Kontexte nicht nur als kurzfristiger Aufhänger dienen, sondern zu einem integralen Bestandteil des Unterrichts werden.

Eine detaillierte Auswertung der Interessenstudien führte zu einer Liste von Gesichtspunkten, die bei der konkreten Entwicklung von interessegeleiteten Unterrichtseinheiten berücksichtigt werden sollten. Wir geben diese Liste hier in der Form wieder, wie sie von den Lehrkräften des Modellversuchs "Chancengleichheit" modifiziert und zur Grundlage der Entwicklung der Unterrichtsmaterialien gemacht worden ist.

Zehn Gesichtspunkte für die an Interessen orientierte Gestaltung von Unterricht für Mädchen/ Jungen

  1. Schülerinnen (und Schülern) Gelegenheit geben zu staunen und neugierig zu werden,
  2. An außerschulische Erfahrungen anknüpfen, die für Mädchen und Jungen in gleicher Weise zugänglich sind,
  3. Schülerinnen (und Schülern) ermöglichen aktiv und eigenständig zu lernen und Erfahrungen aus erster Hand zu machen,
  4. Schülerinnen (und Schülern) einen Bezug zum Alltag und zu ihrer Lebenswelt ermöglichen,
  5. Bedeutung der Naturwissenschaften für die Menschen und die Gesellschaft nahe bringen und zum Handeln ermutigen,
  6. Den lebenspraktischen Nutzen der Naturwissenschaften erfahrbar machen,
  7. Einen Bezug zum eigenen Körper herstellen,
  8. Die Notwendigkeit und den Nutzen von Messergebnissen (quantitativen Größen) verdeutlichen,
  9. Ein qualitatives Verständnis der Begriffe und ihrer Zusammenhänge als Voraussetzung von Formeln sicherstellen,
  10. Durch spielerischen Umgang und unmittelbares Erleben zur Abstraktion gelangen.

Es mangelt nicht an Vorschlägen und konkreten Unterrichtsversuchen die Situation der Mädchen im mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht zu verbessern und ihnen die gleichen Chancen wie den Jungen einzuräumen. Allerdings sind diese Bemühungen nicht immer ausreichend dokumentiert, nicht in ihren Zielen klar definiert und in ihren Wirkungen kontrolliert worden.

Die bisher in der Literatur beschriebenen Maßnahmen lassen sich drei unterschiedlichen Richtungen zuordnen:

Maßnahmen, die auf eine Veränderung der Unterrichtsinhalte zielen

Eine Möglichkeit, Mädchen vor Augen zu führen, dass die Naturwissenschaften keine reine Männerdomäne sind, besteht darin, Mädchen die Gelegenheit zur Identifikation mit weiblichen Vorbildern zu geben. Dazu gehören etwa das Studium von entsprechenden Lebensläufen, der Besuch einer Ausstellung über oder die Einladung von Frauen mit naturwissenschaftsbezogenen Berufen in den Unterricht. Solche Formen scheinen geeignet, das Selbstvertrauen derjenigen Mädchen zu stärken, die sich zwar zu den Naturwissenschaften hingezogen fühlen, sich aber noch nicht trauen dem nachzugehen.

Da Mädchen in aller Regel weniger Erfahrungen im Umgang mit technischen Geräten haben als Jungen, sind Unterrichtsformen angezeigt, in denen sie im Rahmen von Schülerübungen Erfahrungen dazu aus erster Hand machen können.

Maßnahmen, die auf eine Veränderung der Unterrichtsorganisation zielen

Im Zusammenhang mit Mädchenförderung wird in erster Linie eine zumindest zeit­weise Aufhebung der Koedukation diskutiert, gelegentlich auch eine vorübergehende Verkleinerung der Klassen. Mittlerweile haben aber weitere Analysen gezeigt, dass sich die Präferenzen dieser Mädchen insbesondere aus dem besonderen schulischen und elterlichen Umfeld erklären lassen. Trotzdem ist nicht von der Hand zu weisen, dass eine Aufhebung der Koedukation für Mädchen in den naturwissenschaftlichen Fächern eine vielversprechende Möglichkeit ist, ihre Skepsis und Distanz verringern zu helfen. Zu offensichtlich sind das Dominanzverhalten eines Teils der Jungen in diesen Fächern und zu unüberhörbar die Befürchtungen und Klagen der Mädchen, dass sie sich bei guten Leistungen unbeliebt machen und dass sie bei schlechten Leistungen verhöhnt werden. Außerdem erleichtert ein nach Geschlechtern getrennter Unterricht es den Lehrkräften sich gezielt mit den Stärken und Schwächen der Mädchen bzw. der Jungen zu befassen und ihr eigenes Verhalten im Unterricht zu reflektieren.

Maßnahmen, die auf eine Veränderung der Interaktionen zielen

Unter Interaktionen wird hier das Geflecht von sozialen Austauschprozessen verstanden, das im Unterrichtsgeschehen zwischen der Lehrkraft und den Lernenden bzw. zwischen den Lernenden entsteht. Dazu gehören etwa die verbal oder nichtverbal geäußerten Rückmeldungen und Erwartungen, die Gewährung bzw. die Verweigerung von Anerkennung oder die Wartezeit, die eine Lehrkraft für die Beantwortung einer Frage lässt. Man kann sich vorstellen, dass es gerade für Mädchen entscheidend sein kann, inwieweit ihnen die Lehrkraft etwas zutraut und ob die Schülerinnen einen Fehler machen dürfen, auch ohne dass ihnen der Spott der Jungen entgegenschlägt.

Maßnahmen zur Veränderung ungünstiger Interaktionen gehören zu den schwierigen langfristigen Veränderungsprozessen.

 

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